„Leg das Handy weg." Dieser Satz ist der meistgegebene Ratschlag rund um Jugend, Medien und Gesundheit – und gleichzeitig der wirkungsloseste. Nicht weil er falsch wäre, sondern weil er zu kurz greift. Was passiert eigentlich, wenn Jugendliche scrollen? Welche Bedürfnisse stehen dahinter? Was macht ein Gesundheitsmythos so überzeugend? Und warum schläft man mit dem Handy in der Hand schlechter – obwohl man das längst weiß?
Mit diesen Fragen beschäftige ich mich seit mehreren Jahren als Autor für das Programm DURCHBLICKT! – Digital in eine gesunde Zukunft. Im Herbst 2026 erscheinen vier neue Unterrichtseinheiten, die ich für BARMER und den Klett MEX Verlag entwickelt habe. Höchste Zeit für einen Vorgeschmack.
Was ist DURCHBLICKT!?
DURCHBLICKT! ist ein Präventionsprogramm der BARMER, das Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Eltern helfen soll, digitale Gesundheitsinformationen kompetent zu nutzen. Das klingt nüchtern – gemeint ist aber etwas Konkretes: Wie finde ich verlässliche Gesundheitsinfos im Netz? Wie erkenne ich, ob eine App mir wirklich guttut? Wie beeinflusst Social Media mein Körperbild, mein Schlafverhalten, mein Selbstbild?
Das Programm verfolgt dabei einen klar gesundheitlichen Ansatz. Es geht nicht darum, Bildschirmzeit zu verteufeln oder Verbote zu rechtfertigen. Es geht darum, eine Haltung zu entwickeln – und die Kompetenz, das Digitale so zu nutzen, dass es der eigenen Gesundheit nützt, statt ihr zu schaden. Zusammengefasst nennt man das digitale Gesundheitskompetenz.
Die Materialien sind als Lehrkräftehandreichungen konzipiert: fertig aufbereitete Unterrichtseinheiten für 90 Minuten, binnendifferenziert für Sek I und Sek II, mit Zusatzmaterial für die Primarstufe (Kl. 3–4), Arbeitsblättern, Methoden und Impulsen – alles, was Lehrkräfte brauchen, um das Thema direkt in den Unterricht zu bringen. Frei verfügbar unter durch-blickt.de.
Digitale Gesundheitskompetenz ist keine Zusatzqualifikation. Sie ist eine Grundfähigkeit für das Leben im 21. Jahrhundert.
Die vier neuen Einheiten im Überblick
Die Handreichungen 2026 sind thematisch breiter gefächert als frühere Jahrgänge – und greifen tiefer. Jede Einheit hat eine klare Leitfrage, der alle Inhalte folgen. Keine Materialschlacht, kein Überblicksthema. Sondern: ein Fokus, eine Haltung, ein Transfer.
„Echte Bedürfnisse, künstliche Antworten" – KI und menschliche Beziehungen
Wer schon einmal eine längere Konversation mit einem KI-Chatbot geführt hat, kennt das Gefühl: Da ist etwas, das zuhört, antwortet, keine schlechte Laune hat. Aber warum tut es das – und was tun wir eigentlich, wenn wir mit KI reden? Diese Einheit für Sek I und Sek II stellt keine technische, sondern eine psychologische Frage: Welche Bedürfnisse stecken hinter unserer KI-Nutzung – und warum ist es wichtig, diese Bedürfnisse auch außerhalb der digitalen Welt zu stillen?
Die Lernenden analysieren, warum KI-Systeme menschlich wirken – und warum sie es sollen. Sie reflektieren ihre eigene Nutzung anhand von vier Grundbedürfnissen: Verbindung, Kompetenz, Autonomie, Sicherheit. Und sie lernen, den Unterschied zu erkennen zwischen KI als nützlichem Werkzeug und KI als scheinbarem Beziehungspartner. Das Einstiegsvideo stellt einen ebenso einfachen wie einleuchtenden Vergleich an: dieselben Fragen an die KI und an eine echte Freundin. Die Antworten sprechen für sich.
„Wer bin ich online?" – Digitale Identität zwischen Selbstausdruck und Selbstinszenierung
Jedes Profilfoto ist eine Entscheidung. Jede Caption, jeder Hashtag, jedes Weglassen – alles ist Gestaltung. Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, ist für viele Jugendliche ein blinder Fleck: Dass das, was sie online zeigen, kein Abbild ihres Lebens ist, sondern eine bewusst oder unbewusst konstruierte Version davon. Diese Einheit für Sek I und Sek II fragt: Wer bin ich online – und warum zeige ich, was ich zeige?
Die Lernenden analysieren fiktive Profile und Fallbeispiele, erkennen Mechanismen wie sozialen Vergleich und externen Validierungsdruck – und entwickeln eigene Kriterien dafür, was sie teilen wollen und was nicht. Der Gesundheitsbezug ist hier bewusst auf psychische und soziale Gesundheit ausgerichtet: Was macht der permanente Vergleich mit kuratierten Fremdbilern mit dem eigenen Selbstbild? Und was schützt davor?
„Gesundheitsmythen im Netz" – Was stimmt wirklich?
Detox-Tees, die den Körper „entgiften". Superfoods, die Krebs verhindern. Schlankheitsmethoden, die Ärzte „verheimlichen". Das Netz ist voll davon – und die Algorithmen sorgen dafür, dass solche Inhalte besonders gut funktionieren. Diese Einheit nimmt Gesundheitsmythen aus Social Media auseinander: nicht um Angst zu schüren, sondern um Kompetenz zu stärken.
Im Mittelpunkt steht die QQQQ-Methode zur Quellenkritik – ein konkretes Werkzeug, das die Lernenden direkt auf echte Behauptungen anwenden. Ergänzt wird das durch den DURCHBLICKT!-QuellenChecker und eine kritische Auseinandersetzung mit Influencer-Profilen: Wer profitiert von diesem Gesundheitsmythos? Welche kommerziellen und algorithmischen Interessen stecken dahinter? Und wie entsteht durch konstruierte Körperbilder Druck, Scham und Unsicherheit? Am Ende stehen zwei Transferprodukte – ein Wahr-oder-Fake-Quiz für Sek I und ein selbst erstellter viraler Gesundheits-Post mit Mythen-Auflösung für Sek II.
„Schlaf gut!" – Wenn Bildschirme wachmachen
Dass blaues Licht den Schlaf stört, wissen mittlerweile die meisten. Aber blaues Licht ist nur ein Teil der Geschichte. Was hält uns wirklich wach? Aufregung über gesehene Inhalte. FOMO – die Angst, etwas zu verpassen. Der nächste Clip, der sich automatisch abspielt. Diese Einheit geht den biologischen und psychologischen Ursachen auf den Grund: Melatonin, zirkadianer Rhythmus, Schlafphasen – und das Zusammenspiel von Inhalten, Aufregung und Gewohnheit.
Die Lernenden analysieren Fallbeispiele aus dem echten Leben, reflektieren ihre eigenen Abendgewohnheiten – und entwickeln ein persönliches bildschirmfreies Abendritual. Dazu führen sie über eine Woche ein Schlafprotokoll: nicht als Strafaufgabe, sondern als Selbstbeobachtung. Schlaf als zentrale Gesundheitsressource – und die konkrete Selbstwirksamkeit, etwas daran zu verändern, das ist der Kern dieser Einheit.
Was alle vier Einheiten verbindet
So unterschiedlich die Themen sind – sie folgen demselben Grundgedanken: Digitale Gesundheit ist kein Abschalten, sondern ein Hinschauen. Die vier Handreichungen laden Jugendliche nicht dazu ein, weniger digital zu sein. Sie laden ein, bewusster zu sein: zu verstehen, was Algorithmen tun, was Bedürfnisse antreiben, was Mythen glaubwürdig macht, was Schlaf kostet.
Das ist anspruchsvoller als ein Handyverbot. Und nachhaltiger.
Medienkompetenz ohne Gesundheitsperspektive greift zu kurz. Gesundheitsbildung ohne Medienperspektive auch.
Die neuen Handreichungen erscheinen im Herbst 2026 auf durch-blickt.de – kostenlos, direkt einsetzbar, fächerübergreifend. Wer das Programm noch nicht kennt, findet dort auch alle bisherigen Einheiten.
Dieser Beitrag „Schlaf, Selbstbild, KI und Mythen – vier neue Handreichungen kommen im Herbst" von Michael Kohl ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0.